Mein Name ist Jonathan (ich bin bald drei!), und ich sitzte vergnügt in der Badewanne. Mama sitzt daneben, und sie erzählt mir von Enten und Quack Quack. Daß ich sie nicht hören kann, das weiß sie sehr wohl, schließlich habe ich ja meine Hörgeräte zum Baden abgelegt. Daß ich sie aber trotzdem verstehe, das zeige ich Ihr mit meinem breiten Lachen und meinen Wutanfällen, wenn es heißt Raus jetzt, Zeit zum Schlafen. Ein entschlossener Griff, und Mama zieht mich zappelnd aus der Wanne. Und plötzlich macht ja das Abtrocknen und Pyjama Anziehen genausoviel Spaß wie das Baden zuvor. Hoppla, so kann es kommen. Mama weiß eben, was gut ist für mich. Daß sie das weiß, scheint sie allerdings erst zu begreifen, seit sie diese Abende “Für Uns” besucht, aber das laß ich lieber Mama erzählen, denn ich war ja nicht dabei. Ich weiß nur, daß wir uns jeden Tag ein bißchen besser verstehen, und das ist toll!

Also, Jonathan übertreibt ein wenig, ich bin natürlich nicht über Nacht die perfekte Mutter. Aber seit den Abenden mit anderen Eltern von hörgeschädigten Kindern, geleitet von Klaus Berger fühle ich mich im Umgang mit meinem Sohn Jonathan viel sicherer und habe an Klarheit gewonnen. Wir haben festgestellt, daß unsere Kinder zwar durch Ihre Behinderung anders sind als andere Kinder, deren Erziehung jedoch sich nicht großartig abheben muß vor der Erziehung von hörenden Kindern. Denn auch hörende Kinder wollen oft nicht hören, und schwerhörende können sehr wohl verstehen. Sie benutzen dazu andere Antennen, wie wir gemeinsam festgestellt haben, und da sollten wir unsere kleinen Kämpfer doch nicht unterschätzen.

Thema der Abende war der Zusammenhang zwischen Erziehung und Sprachentwicklung, teilgenommen haben 15 Personen, Eltern von 9 Kindern. Acht dieser Kinder sind bereits mit CI versorgt, und Jonathan bekommt seine OP am 6. Juni. Sylvia Zichner aus dem CIC hat ebenfalls begleitend teilgenommen, und zusammen lauschten wir, was Klaus Berger, selbst Papa, und erfahren mit hörgeschädigten Kindern seit über 20 Jahren, aus seinem Nähkästchen zu plaudern hatte.

Klaus jedoch kehrte dies um und ließ uns anhand von konkreten Beispielen erzählen, während er durch genaues zuhören die Einzelfallbeschreibungen und deren Dynamik zielgenau erfaßte. Klaus präsentierte keine Lösungen auf dem Silbertablett, sondern half uns als Eltern durch genaues hinschauen das Kind und uns selbst besser zu verstehen. Er benutzt dazu gerne kleine Hilfsmittel, wie kleine Bälle und Schnüre, und veranschaulichte damit die Familiensituationen auf dem gemütlichen Teppichboden. Oftmals erreichte er auch durch einfache Fragen, die er den Eltern stellte, daß mögliche Lösungsansätze erkennbar wurden. Es wurde sehr viel gelacht, doch auch der nötige Ernst in bewegenden Momenten war von Klaus, wie auch von der Gruppe zu spüren.

Es wurden unter anderem Themen wie Aggression, Erziehung in den Kindertagesstätten, Grenzsetzung, Schlafstörungen, selbständiges Spielen und Geschwisterkinder besprochen. Viele Eltern erkannten sich und ihre Situation in der Beschreibung von anderen Eltern wieder, was schon ein großer Trost war.
Klaus verdeutlichte mit seinen kleinen Anekdoten und Ballmustern, wie gewichtig unsere Klarheit sich auf unsere Kinder auswirkt: Kinder sind glücklich, wenn die Eltern klar sind. Und so mußten wir erkennen, daß ein (vorübergehend für das Kind enttäuschendes) klares nein unsere Kleinkinder glücklicher machen kann als die Freiheit, im Chaos der eigenen Entscheidungen zu leben. Wir Eltern müssen die Lösungen suchen. Wir müssen es unseren Kindern durch unser Verhalten ermöglichen, sich auf uns zu beziehen. (Zitat Klaus). Durch unseren Austausch wurde auch klar wie unterschiedlich unsere Kinder sind, und daß es keine Maßnahmen gibt, die auf alle zutreffen.

Diese persönlichen Unterschiede wurden nochmals sehr deutlich, als am 4. Treffen Mara (18, CI Trägerin), Anna (15, CI Trägerin) und deren Mütter, wie auch Lisa (19, Hörgeräte, möchte gerne CI) unserem Treffen beiwohnten. Sie berichteten von Ihren Erfahrungen aus einer Zeit, in der die frühe CI Versorgung noch nicht so selbstverständlich war wie heute. Wir hatten die Gelegenheit, die sehr selbstbewußten, äußerst kommunikativen und humorvollen Mädchen über Ihre Ängste, Gefühle und Erfahrungen im täglichen Umgang zu befragen. Auch die Mütter waren hilfreich im Erfahrungsaustausch. Die Frage ob Regel-oder Schwerhörigenschule trat sehr deutlich in den Vordergrund, sowie die Schwierigkeiten, die in der schulischen Laufbahn auf uns zukommen könnten. Wenn man diese jungen Frauen jedoch sah, konnte man sehen, daß viele Wege nach Rom führen, denn jede hatte eine andere Geschichte, und trotzdem haben es alle drei geschafft, so viel Persönlichkeit rüberzubringen, wie es so manch ein Hörender nicht schafft. Mir wurde klar, daß in dem Schicksal der Schwerhörigen und Tauben, sowie deren Eltern eine große Kraft liegt, für die wir sehr dankbar sein können.

Jedes Elternpaar, jeder Elternteil hat wohl aus diesen Abenden entsprechend ihrer/seiner Situation etwas anderes mitgenommen. Mich persönlich beindruckte, wie wirkungsvoll ein sich Herausbewegen aus der Opferrolle und ein Hineinbewegen in die Verantwortung sein kann. Wie Klaus so schön sagte: ”Wenn einer seinen Standpunkt ändert, müssen die anderen reagieren.“

Im Elternkreis “Für Uns”, der nach außen hin vielleicht wie eine gemütliche Kaffeerunde aussah, wurden nicht nur Hinweise gegeben und Erfahrungen ausgetauscht. Wir haben Schmerz gesehen, Trauer, Enttäuschung und Wut.
Und dann kamen auch Stolz, Erfolgserlebnisse, Lachen und das Erleben von Dazugehörigkeit.
Da wir ja alle noch oft in Erziehungsfallen tapsen, und das trotz dem reichhaltigen Nähkästchen von Klaus Berger, und auch mein Hunger nach Austausch nicht so schnell gestillt ist, finde ich 4 Abende viel zu kurz. Deshalb bin ich auch sehr froh, daß die Treffen mit einem fünften Abend ergänzt werden.

Autorin: Maria Ronen